Glasklare Gefühle

For whom the bell tolls… (a.k.a. Upstairs at the Ten Bells)

Allen, die ihre Meinung über Großbritannien und das Essen dort in den 80er oder Anfang der 90er Jahre gefasst und seitdem keiner Revision unterzogen haben sollten, sei hiermit einmal mehr gesagt, dass seitdem auf der Insel eine Menge in Sachen Kulinarik getan hat. Eine verdammte Menge, um genau zu sein. Wie auch das folgende Beispiel belegt:

Vorab aber für Menschen mit wenig Zeit die Kurzform des danach Folgenden:
In Londoner Osten gibt es zur Zeit ein Restaurant namens Upstairs at the Ten Bells. Dessen Besuch ist mehr als empfehlenswert…

For whom the bell tolls…

Es ist Sonntag Mittag und ich sitze leicht verkatert und schwer begeistert in der ersten Etage eines in Londons derzeitigem Lieblingsbiotop für Hipster gelegenen Pubs – im Eastend, genau gegenüber des Eingangs von Spitalfield Market.

Isaac McHale, der sich in den letzten Jahren einen donnerhallenden Ruf erkocht hat – erst als ein Drittel der inzwischen legendären Young Turks zusammen mit Ben Greeno (der inzwischen den Sydney-Ableger von David Changs Momofuku führt) und James Lowe, dann zusammen mit Letzterem eben hier, im Upstairs at the Ten Bells, kocht seit einigen Wochen wieder mit leicht modifiziertem Team an diesem Ort.

Um ihn zu betreten musste man quer durch einen Pub und dann eine recht heruntergekommen wirkende Treppenstiege hinauf, an deren Ende man vielleicht einen Indie-Plattenshop, eine Wahrsagerin oder vielleicht ein Tattoo-Studio erwartet hätte  – ganz sicher aber kein Restaurant.

Die Bloody Mary, die einige von uns als Starter wählen, lasse ich diesmal aus. Zu sehr wirken noch die Biere und Weine zur Entspannung nach dem Service unseres zweiten Abends beim Supperclub Summit nach (zu dem dann im nächsten oder übernächsten Post). Im weiteren Verlauf des Abends hatte sich übrigens eine kleine, alkoholbedingt leicht überengagiert geführte Kontroverse über Köche, das Ambiente, in dem sie ihre Arbeit präsentieren und die Vibes, die das wiederum beim Gast auslöst, entsponnen. Und egal, welche Position man zu den deutschen, eher plüsch- und pomp-orientierten 2 und 3-Sterne-Restaurants auch einnehmen mag, dass der mich zur Zeit gerade umgebende Raum so ganz anders und so voller positiver Vibes ist, würde ich auch mit 3 Promille und mehr im Blut nicht bestreiten.

Alles um mich herum wirkt auf eine unglaublich unaufgeregte Art und Weise entspannt, laid back und  frei von Effekthascherei. Der Service, das Ambiente, die Weinkarte. Für Etiketten-Trinker gibt es auf Letzterer so überhaupt nichts zu holen. Dafür aber jede Menge spannende und interessante Positionen (z.B. Champagner von Agrapart!), keine davon im dreistelligen Bereich, vieles sogar unterhalb der 30£.

Spätestens als dann die drei wohltuend unprätentiös “Snacks” genannten Grüße aus der Küche eintreffen, erliege ich den Vibriationen völlig:


Buttermilk Chicken & Pine Salt


Cotherstone Cheese Biscuits & Blackcurrant Jelly


Pigs Head & Lettuce Rolls

Wow! Kein Schnick-schnack, kein Firlefanz, keine Schnösel-Köderei. Stattdessen: Teller, die sich – völlig zu recht! – zu einhundert Prozent auf die Produktqualität verlassen. Neben der technischen Perfektion, mit der die Speisen hergestellt wurden, versteht sich. Trotzdem: Diese Form von Nacktheit muss man sich erst einmal trauen, jeder noch so kleine Fehler träte da ganz offen und unbarmherzig zutage. Aber was die Fehler betrifft, bleibt es beim Konjunktiv.

Denn, das muss man an dieser Stelle noch mal ganz ausdrücklich betonen, hier versucht niemand, seine Koch- und Rock-’n-Roll-Leidenschaft durch das Tragen von Totenkopf-T-Shirts und martialischen Tattoos mit eher mittelgutem Ergebnis miteinander zu verschmelzen. Hier kocht jemand mit jahrelanger Erfahrung in der absoluten Spitzengastronomie, darunter allein 7 Jahre im Ledbury , die letzten davon zuständig für Rezeptentwicklung, auf allerhöchsten Niveau.

Wie sich dann auch bei beiden Vorpeisen weiter zeigt:


Courgette Soup, Jersey Royals, & Indian Spice


Brisket, Beetroot, Bone Marro & Blackberries

Genau wie bei den beiden zur Wahl stehenden Hauptspeisen…


Plaice, Turnips & Black Trumpets


Pork Chop, Sugar Snaps, Sweetcorn & Peaches

…und den ebenfalls zur Wahl stehenden Desserts…


Raspberry & Yoghurt Ripple, Haselnut Crumble
Poached Peach, Frangipane & Creme Fraiche Sorbet

Schon aus Platzgründen will ich hier nicht jeden einzelnen Teller en Detail diskutieren (soviel immerhin: mein Liebling war die grandiose Rinderbrust mit angeschmolzenem Knochenmark) – aber alles war technisch auf hohem Niveau, konzeptionell zudem vielschichtig und spannend, vor allem aber  dabei gleichzeitig frei von jeder Form von Effekthascherei. Schlicht und einfach und zugleich dennoch wirklich groß. Mit Hummer und Kaviar glänzen kann schließlich jeder (zugegeben, manche können’s noch nicht einmal damit) – aus einem Schweinekotelett und Mais etwas beeindruckendes zu machen, erfordert dagegen echtes Talent. Nun, Isaac McHale hat davon eine verdammte Menge.

Was der Spaß gekostet hat, werdet ihr jetzt sicher Fragen. Denn immerhin: der Koch hat Ledburry-Erfahrung und auch sonst einige First-Class-Stationen auf dem Tanzkärtchen. Aber das, was sich schon bei der Weinkarte andeutete, setzt sich auch beim Preis für das 4-Gang-Menü und die drei Snacks fort: dieses Essen gibt es für sage und schreibe 39£. Ein Preis/Leistungsverhältnis, das einem angesichts der gebotenen Qualität wirklich die Tränen in die Augen treibt (jedenfalls dann, wenn man diese Stadt wieder zu verlassen gezwungen ist). Ich wüßte in Deutschland zur Zeit nichts, was auf einem vergleichbaren Preisniveau ähnliches in Präzison und Niveau böte.

LONDON-REISENDE, BESUCHT DIESES RESTAURANT:

Upstairs at the Ten Bells
84 Commercial Street, London, E1 6LY
Dinner – Wednesday to Saturday – 6pm to 10:30pm
Lunch – Sunday – 12pm to 4:30pm


(klick aufs Bild führt zur Website)

EDIT 29.08.: Da ich mir an dem Tag eine mittelschwere Talentbefreiung in Fragen photographischer Art zugezogen hatte (hat da jemand “der Alkohol, der Alkohol” gesagt?), sei an dieser Stelle noch auf die großartigen Bilder dieses Essens in Natas Diashow dazu verwiesen.

EDIT 9.10.: Heute ist die aktuelle Liste der FINE DINING LOVERS (die britisches Ausgabe der berühmtberüchtigten San Pellegrino Liste der besten Restaurants der Welt) veröffentlicht worden. Zum dritten Mal in Folge wurde Isaac McHales alte Wirkungsstätte “The Ledbury” auf Platz eins gewählt. Und seine “Zwischenlösung” UPSTAIRS AT THE TEN BELLS befindet sich auf dem verdammt beachtlichen Platz 50!


  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.