Glasklare Gefühle

Veronica Ferres, halbtrocken… (a.k.a. Weinrallye #51, Domina)

Manchmal muss man eben auch dahingehen, wo es wehtut, denke ich mir. Sachen trinken, die man normalerweise nicht trinken würde. Um den Erfahrungshorizont zu erweitern. Aus wissenschaftlichem Interesse sozusagen. Ein solches Objekt wissenschaftlichen Interesses steht jetzt vor mir. Eine goldene Kammerpreismünze prangt darauf. Immerhin, einerseits. Andererseits: Nicht , dasss das in meinen Augen etwas heißen würde. Im Gegenteil – ich habe eher gelernt, diesen Auszeichnungen zu mißtrauen.

Dafür stammt diese Flasche aber von einer Winzergenossenschaft, die ich sehr schätze. Laut Eigenauskunft übrigens die älteste der Welt. 1868 gegründet. Ich kenne die Weine von dort und einige davon finde ich verdammt gut. Ich werde zum Beispiel nie die Probe vergessen, wo die älteren Jahrgänge eines der Genossenschafts-Spätburgunder nahezu alles beiseite gefegt haben, was sonst aus diesem Gebiet sonst angestellt war.  Auch 15, 20jährige Weine standen damals noch wie eine eins – im Gegensatz zu vielem, was die Kollegen vom VDP im gleichen Jahr so auf die Flasche gebracht hatten.

Halbtrockener Rotwein, dass ich sowas überhaupt probiere. Das würgt man mit freundlichem Lächeln und innerer Abscheu allenfalls bei der Erbtante herunter. Und auch nur, weil die dieses kleine Häuschen gebaut zu Zeiten, als Grundstücke noch günstig und Gärten keine handtuchgroßen Begrünungsflächen waren zu vergeben hat. Aber ich schweife ab…

Also tapfer probiert: Anfangs füllig, aber mit eher unklarer Frucht. Ich meine, die im Genossenschafts-Shop erwähnte schwarze Johannisbeere zu entdecken, gleichzeitig wird aber die Frucht von einem eher diffusen Gewürzschleier überlagert. Schwache pfeffrig-zimtige Noten überlagern die roten Früchte. Die ordentliche Säure des Weins puffert die spürbar vorhandene Restsüße gut ab. Etwas später entwickelt der Wein dann eine deutliche Note von Orangenschale. Das ist ein Ton, den ich gar nicht schätze, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass er nur zu oft schnell in jene messing-metallerne Säuerlichkeit übergeht, mit der bestimmte fruchtbetonte aber kurzlebige Wein ihr Ableben im Glase herausröcheln.

Hier ist es anders, jedenfalls in den gut zweieinhalb Stunden, die ich den Wein heute beobachte. Überhaupt: rund 95% aller deutschen Kneipen dürften sich glücklich schätzen, einen solchen Rotwein auszuschenken, denke ich mir.  Andererseits würden sie dann nichts mehr verkaufen. Rotwein halbtrocken, das geht nun mal gar nicht. Halbtrocken das steht für piefig, genau wie Mehlschwitze, Toast Hawai und selbstgehäkelte Klopapierschoner auf der Hutablage des Opel Astra. Halbtrocken ist ein Begriff, den der marketingorientierte Winzer heute meidet, wie der Teufel das Weihwasser. Wenn sich sowas gar nicht vermeiden lässt, dann schreibt man “feinherb” drauf. Das weiß der Normalverbraucher nicht, was damit gemeint ist und macht sich keine Sorgen. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zum Wein. Der ist ordentlich, vielleicht sogar ein kleines bißchen mehr als das. Für meinen Geschmack letztlich etwas zu füllig für das, was er an Substanz zu bieten hat – aber hey, andere mögen diese Form von Üppigkeit. Stellt Euch Veronica Ferres zu ihren propersten Zeiten vor, dann habt ihr eine Vorstellung von dieser Domina. Und zwar sowohl in Sachen Üppigkeit als auch in Sachen Substanz. Wobei ja Veronica Ferres ausgesprochen wenig von einer Domina hat… Und  bevor ich jetzt zum dritten Male abschweife, beendet ich meine kleine Verkostung an dieser Stelle.

Wer übrigens selbst probieren will:

2009
Domina, halbtrocken
Deutscher Qualitätswein
Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr, ca. 6 Euro.

1 Kommentar

  1. […] Glasklare Gefühle, Torsten Goffin, erzeugte mit der Überschrift: “Veronika Ferres…” den ersten Hingucker und machte neugierig, was die bekannte Dame mit der Domina zu tun haben sollte. Er probierte eine 2009er Domina, halbtrocken von der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr. […]


  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.