Glasklare Gefühle

Spaß im Glas für wenig Geld? Gimme five!

von Gastautor Stefan Schwytz, dem Weinanwalt bei www.baccantus.de

five up? Five low!

Die aktuelle Etappe #62 der Weinrallye, ausgerufen von Nico Medenbach vom Weinblog Drunkenmonday befasst sich mit der Frage nach den Grenzen des guten Geschmacks. Nach unten ist die Grenze hier zumindest eher zu umreißen als nach oben, und mach Teilnehmer frotzelte schon, man könne auch einen Supermarkt-Weinführer abschreiben.

Ob man unter fünf Euro taugliche Weine für einen genussreichen Abend bekommt, ist eine Frage, die so lange diskutiert wird, wie es Weinblogs und Weinforen gibt. Dass jede Menge Wein in der Klasse unter fünf Euro produziert und in den Regalen der Discounter, Supermärkte und auch der Fachhändler zu finden ist, steht außer Frage: zumindest in Deutschland wird der Großteil des Umsatzes mit Wein in diesem Preissegment getätigt, der Löwenanteil von den Discountern, ob es einem nun gefällt oder nicht. Wurde vom Deutschen Weininstitut der Durchschnittspreis für Wein im Lebensmittelhandel hierzulande für das Jahr 2011 mit 2,63 € pro Liter (!) angegeben, so spricht das eine deutliche Sprache, leicht steigende Tendenz hin oder her. Durchaus auch bei Besserverdienenden finden sich auf Grillpartys und Geburtstagsfeiern etwa ein Prosecco Treviso DOC frizzante für 2,39.- (beim Discounter) und Sekt für 2,99.- (eigentlich überall…) Pinot Grigio, Grillo oder Chardonnay für 3,49.- oder ein Tempranillo für 4,99 €. Oft fallen diese Kandidaten dann in die Kategorie: „Ich mag kein Bier, und der ist gut und macht mir kaum Kopfschmerzen.“ (hab ich diese Tage im O-Ton so gehört!)

Keine Frage – es finden sich durchaus trinkbare Gewächse für unter fünf Euro. Einen charaktervollen Riesling mit hohem Wiedererkennungswert und individueller Handschrift aus der Steillage wird man so jedoch nur schwerlich finden. Ein weinhaltiges alkoholisches Getränk, welches sich lässig im Glas schwenken lässt, allemal. Wie heißt es so schön? Geschmack ist eine Frage des Anspruchs…

Das Billy-Regal von Ikea tut seinen Zweck (Bücher aufbewahren) und ist billig, aber man kann sich auch Möbel aus Massivholz beim Möbelhändler kaufen oder gar beim Schreiner individuell aus erlesenen Hölzern fertigen lassen. Letztere gibt es allerdings mit Sicherheit nicht für 38 € in flachen Paketen beim blau-gelben Riesen aus Schweden zum Mitnehmen in fünf Farben. (für 38 € könnte man statt eines weißen Billy bspw. auch eine einzige Flasche Von Winning Forster Pechstein Riesling Großes Gewächs erwerben, falls man noch eine bekommt… oder alternativ von Dr. Bürklin Wolf, aber lassen wir das.)

Zur aktuellen Etappe der Weinrallye geht es also um „Low Five“-Weine, die trotzdem Spaß machen, daher wollen wir auch die 5-Euro-Debatte oder die Frage, wer wen oder was ausbeutet, um diesen Preis zu erzielen, bei Seite lassen und uns einfach zwei Exemplaren dieser Preiskategorie widmen, einmal in Weiß, einmal in Rot.

Wein 1:
LIEUBEAU Vigneron Château Thébaud,
Domaine de la Fruitière,
Vin de Pays du Val de Loire,Terra Vitis,
Chardonnay 2012

Wie liest man doch so oft? „Knackig-rassige Säure…“ bei einem Chardonnay vielleicht nicht häufig, hier wird oft gebuttert und geholzt, das es kracht. Dieser Wein von der westlichen Loire (Nantes liegt schon in der Bretagne und unter deutlichem Atlantik-Einfluss…) ist ein jugendlich frischer Typ, domminiert von floralen Noten, nicht vergleichbar mit den Chardonnays etwa aus Burgundistan oder aus der Barrique-Fraktion. Egal. Läuft. Wenn man mit der „markanten Säure“ klar kommt. Wer lieber einen Schmuse-Chardonnay will (also einen „aber bitte nicht so sauer wie Riesling!“-Wein) muss anderswo suchen. Das Tröpfchen hier kommt erfrischend glasklar und mit Kante daher. Mag ich. Aromatische Zitrusfrüchte, Limette, Grapefruit. Wo geht’s zum Balkon? Die Saison ist eröffnet!

Für 4,95 € bei Wein wenn du kannst im Shop.

Wein 2:
»Tarani« Malbec – Cuvée 2011
Vignerons de Rabastens
Vin de Pays du Comté de Tolosan
Concours Général Agricole, Paris – Médaille d’Argent

Zwischen Pau im südlichen Südwesten Frankreichs, Toulouse und Bergerac erstreckt sich die IGP Sud Ouest. Im Schatten von Bordeaux wachsen vielfältige und bemerkenswerte Weine, die nach und nach auch bekannter werden, trotz der berühmteren Nachbarn. Die uralte Sorte Malbec, bekannt insbesondere aus Cahors und beliebt vor allem in Argentinien/ Mendoza, kommt oft sperrig und kantig daher und freut sich über etwas Reifezeit im Fass, damit die Gerbstoffe runder wirken.

Dieser hier schafft es auch so. Ein fruchtig-frischer Sommerwein, ein Malbec, der bei 14-15 Grad Trinktemperatur einfach nur smooth läuft und Spaß macht. Nicht mehr, aber auch keinesfalls weniger. Kein schwergewichtiges, holziges Tanninmonster, eher der beschwingte easy-drinking-Typ, aber auch kein marmeladiger Softie. Bluetooth, zumindest eine blaue Zunge sind integriert. Die Temperaturangabe ist übrigens ernst gemeint, so etwas macht leicht gekühlt einfach mehr Lust auf das zweite Glas, als lauwarm…

Für 4,95 € bei Wein wenn du kannst im Shop.


  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.