Glasklare Gefühle

Recolté 1945

Andächtige Stille liegt über dem Raum. Gerade eben noch war er von angeregt-gelöstem Gemurmel von 12 Weinfreunden erfüllt, aber jetzt, nachdem diese Flasche ihre Runde gemacht hat, herrscht Schweigen. Seit rund 2 Stunden sitzen wir zusammen am Tisch und probieren – nun also der Höhepunkt: 1945. Neunzehnhundertfünfündvierzig – das Ende des 2. Weltkriegs, das Jahr der Befreiung von Nationalsozialismus, das Jahr, in dem das Europa, wie wir es heute kennen, seinen Anfang nahm.

Ich habe es immer für eine besondere Laune des Schicksals gehalten, dass dieses wohl geschichtsträchtigste aller Jahre des letzen Jahrhunderts auch einen seiner allerbesten Bordeaux-Jahrgänge hervorgebracht hat. So, als wolle es zum Grund zum Feiern auch direkt die perfekt passenden Weine dazu liefern. Einen davon habe ich jetzt also vor mir in meinem Glas. Es ist zwar nicht der legenäre Mouton-Rothschild mit dem “Victory”-V auf dem Etikett – ein Wein, der heutzutage auf Auktionen durch die Bank fünfstellige Erlöse erzielt – aber es ist ein Wein, der zum Zeitpunkt seiner Entstehung immerhin genauso hoch klassifiziert war1: das Deuxieme Cru Chateau Léoville-Las-Cases 2.

Eines der zentralen Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie lautet, dass der Mensch vor allem das findet, was er auch sucht. Auch Altwein-Proben funktionieren oft nach diesem Muster. Wild entschlossen, den Odem der Geschichte zu spüren, senkt der Weinfreund seine Nase tief ins Glas – und hebt sie mit glücklichem Strahlen wieder hervor. Auch, wenn allzu oft nur Liebstöckel- und Maggitöne, allenfalls ergänzt von Portweinnoten und dem Duft von in der Sonne verblasstem Dörrobst davon künden, dass der Wein besser zehn, zwanzig oder sogar dreissig Jahre zuvor getrunken worden wäre. Wie ich an dieser Stelle schon einmal schrieb: der Mythos des alten Weines ist allzu oft übergroß.

Und in diesem Fall? Die tief ziegelrote Farbe wie von verwitterten alten Backsteinen kündet ziemlich deutlich von seinem Alter. Aber in der Nase und am Gaumen präsentiert sich der Wein dann unglaublich frisch. In Notizen zum 45er Mouton hatte ich schon öfter von der verblüffenden Jugendlichkeit des Weins gelesen – und daraufhin stets ein wenig ungläubig reagiert.  Doch diese Flasche Las Cases belehrt mich, dass tatsächlich auch ein 45er jung und immer noch kraftvoll schmecken kann. Blind hätte ihn vielleicht in die späten 60er oder sogar 70er Jahre gesteckt. Auch nach rund einer Viertelstunde fällt da immer noch nichts in sich zusammen. Ich versuche einzelnen Aromen nachzuspüren, aber angesichts der ungemein dicht verwobenen Aromatik scheitere ich. Gut, da ist als Hauptfrucht viel Pflaume. Aber dann… Ich ergebe mich der gleichzeitig hochkomplexen und gleichzeitig samtig-weichen Fülle, die lange den gesamten Gaumen auskleidet und genieße die Größe eines Weines, der seinem historischen Entstehungsjahr wirklich mehr als nur gerecht wird…

1945. Ich denke kurz an meinen Vater, der, damals 14 Jahre alt, im Frühjahr seine Einberufung im Briefkasten fand. Der er dann, in Anbetracht der Tatsache, dass die Amerikaner ein paar hundert Meter weiter auf der anderen Seite des Rheins standen, Gott sei Dank nicht mehr gefolgt ist. Ich denke an die Geschichte von Heinz Stahlschmidt, dem deutschen Unteroffizier, ohne den die Stadt Bordeaux heute mit Sicherheit nicht mehr die Schönheit wäre, die sie ist. Der im August 1944 mit der großflächigen Sprengung des Hafens von Bordeaux beauftragt war und anstatt dem Befehl zu folgen kurzerhand das deutsche Munitionsdepot in die Luft gesprengt hat. ..

Irgendwann ist der Probenschluck und das damit verbundene Vergnügen im Glas zu Ende. Und auch meine Gedanken kehren ins hier und jetzt zurück. Zumal da noch einige andere Jahrgänge Las Cases auf uns warten…

Insgesamt einundzwanzig Jahrgänge haben wir an diesem Nachmittag und Abend dann verkostet. Jeder Jahrgang, der in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts das Prädikat “gross” verliehen bekommen hat, war darunter. Ich bin meinen Weinfreunden R. und B. wirklich tief Dankbar für die Einladung, an diesem Erlebnis teilzuhaben.

Wer ausführliche Notizen zu allen amderen verkosteten Jahrgängen lesen möchte, dem empfehle ich die entsprechenden Berichte bei Nur ein paar Verkostungen und Chef, der Metzger hat gesagt…

ps: eigentlich hätte dieser Beitrag gestern, zum dazu perfekt passenden Jahrestag erscheinen sollen. Zur Zeit immer wieder auftauchende Allerige-Probleme haben das pünktliche Fertigstellen aber leider verhindert.

  1. Chateau Mouton-Rothschild ist heute zwar bekanntermaßen ein Premier Cru, hat diesen Status aber erst nachträglich 1973, als einzige Änderung der ursprünglichen Klassifikation von 1855, verliehen bekommen
  2. Dem angesichts der konstanten Qualitäten (gerade im direkten Vergleich zu Mouton) der letzten 30 Jahre nicht wenige Weinfreunde bescheinigen, das Upgrade zum Premier Cru viel mehr verdient zu haben

  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.