Glasklare Gefühle

Vinocamp 2012

Ich hatte ja angekündigt, von dort berichten zu wollen, und für ein paar Tweets hat es auch gereicht. Aber insgesamt war die Taktung von Sessions und Verkostungen doch so straff, dass für große Zwischenberichterstattung vom Vinocamp 2012 1 kaum Zeit blieb.

Ein paar kurze Eindrücke und Überlegungen fürs nächste Jahr möchte ich aber doch noch loswerden. Ebenso, wie meinen ausdrücklichen Dank an die Initiatoren, Dirk Würtz und Thomas Lippert, die ein wirklich bemerkenswert perfekt organisiertes Wochenende auf die Beine gestellt haben.


Meine persönlichen Highlights des Vinocamps waren:

Die Rebschnitt-Session mit Karl-Josef Thul. Draußen, in den Rebanlagen der FH, mit Blick auf den Rhein und die Abtei St. Hildegard. Die unterschiedlichsten Spalier-Erziehungsformen in allerbester Erklär-Bär-Manier en detail und hochkompetent erläutert. Idealerweise zu einem Zeitpunkt, wo man vorher und nachher der diversen Systeme genau begutachten konnte, weil ein Teil der Rebzeilen schon geschnitten war, während andere noch auf den Schnitt für dieses Jahr warteten.

Kaum weniger interessant, aber am Sonntag morgen, also nach der großen Party, für einige doch eine schwere Prüfung: die Fehlerweinprobe von Prof. Dr. Rainer Jung. Am Morgen, also zum Zeitpunkt der größten sensorischen Sensibilität sich mit UHU-Ton, Pferdeschweiß und Mercaptan-Böckser auseinandersetzen zu müssen, und das nach zum Teil eher kurzer Nacht, war zwar kein reines Vergnügen aber doch sehr sehr interessant.

Etwas unscheinbar präsentiert, aber ebenfalls hochinteressant: die Möglichkeit sich via Blindprobe an den persönlichen Schwellenwert der TCA-Wahrnehmung 2 heranzutasten.

Verkostungs-Highlight war für mich eindeutig die “soziale Weinprobe” der Orange Wines3. Ausnahmlos sehr interessante, charaktervolle Weine, von denen viele bei einer verdeckten Probe4 kaum als Weißweine zu identifizieren gewesen. Alles in allem ein ziemlich spannendes Thema, mit dem ich mich sicher noch einmal beschäftigen werde.

 

Tja, und sonst? Eher allgemein so? Mein zentraler Eindruck: Irgendwie ist es mit seinen gerade mal 2 Jahren schon verdammt erwachsen, das Vinocamp. Das ist erst einmal natürlich nichts schlechtes und spricht vor allem für die hervorragende konzeptionelle und organisatorische Leistung der Initiatoren. Das Vinocamp hat sich in nur zwei Jahren zum ernstzunehmenden (und ernstgenommenen!) Branchentreff des netzaffinen Teils der deutschen Weinszene (Unterabteilung Verkaufs-Profis und solche, die es werden wollen) entwickelt. Man mag das begrüßen oder bedauern, aber bestreiten kann man es nicht. Alle relevanten PR-Kräfte in Deutschland waren vor Ort, dazu wichtige Händler, die ProWein trat in diesem Jahr als ganz offizieller Sponsor auf, wohin man auch schaute: Business galore.

Wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist – und doch… In meinem Augen würde dem Vinocamp ein kleines bißchen mehr an Diversifizierung an der Besucherfront (Hey, auch ich kann Buzzword, wenn’s Not tut!), eine etwas breitere Aufstellung beim Publikum gut tun. Neben den vielen Sessions zum Thema bloggen/Geld/Werbung/Verkauf wären mir ein paar mehr von Leidenschaft/Genuss/Romantik5 geprägte mehr als nur willkommen. Blogger-Kollege Jörg Utecht hat in seiner lesenswerten Rückschau auf’sAbrechnung dem Vinocamp eine gewisse “Closed-Shop”-Haftigkeit und das Fehlen eines ganzheitlichen Ansatzes attestiert. Und auch ich finde: Ein paar Besucher mehr, die Wein ganz einfach deshalb trinken, weil sie ihn mögen – “Weintouristen”, wie das Jörg genannt hat – würden dem Vinocamp gut zu Gesicht stehen. Würden es atmosphärisch erweitern, wertvoller machen. Und zwar nicht zuletzt im ureigensten Interesse der eher kommerziell Interessierten: denn so wie kein Indianerstamm funktionieren kann, der nur aus Häuptlingen besteht, so wird auch kein Markt erfolgreich sein, der nur von Produzenten und Verkäufern gebildet wird.

Was mich zum Schluß bringt: Ich würde mich sehr freuen, im nächsten Jahr ein paar mehr Amateure auf dem Vinocamp zu sehen. Was ist zum Beispiel mit den vielen Food-Bloggern, denen Wein ebenfalls nicht völlig gleichgültig ist? Wo der Mediziner, der aus seiner Leidenschaft für den Wein heraus eine “Wein & Gesundheit”-Session anbietet? Lasst uns alle zusammen versuchen, etwas mehr von der bunten Flickenteppich-Haftigkeit zu bewahren, die Barcamps meiner Meinung nach so wertvoll machen. Übrigens: Damit keiner von Euch da draußen sagen kann, er habe nicht rechtzeitig davon erfahren – Termin und Ort stehen jetzt schon fest: 9. und 10. März 2013, Campus Geisenheim. Alles weitere zum Planungsstand findet sich auf der Vinocamp-Homepage oder der Vinocamp-Mixxt-Seite.

Wer weiß, vielleicht sind wir dann ja zusammen auch mutig genug, die 9,90 zu investieren, um herauszufinden, was zum Teufel sich hierhinter verbirgt…

Bei Mitinitiator Dirk Würtz findet sich eine umfassende Liste mit Links vom Camp berichtenden Blogs.

Eine Große Anzahl mit Bidlern findet sich im Flickr-Account des offiziellen Camp-Fotografen Andreas Baldauf.

Und wer dann immer noch nicht genug hat, kann dem Berichterstatter in diesem Video ungefähr ab 06:58 beim Nörgeln über das Essen zusehen/hören.

  1. allen, die noch nicht wissen sollten, was sich hinter dem Begriff Barcamp verbirgt, empfehle ich den entsprechenden Artikel in der Wikipedia
  2. TCA ist de Stoff, der für den muffig-dumpfen Fehlton verantwortlich ist, der allgemein als Korkfehler bezeichnet wird
  3. Orange Wines sind Weißweine, die auf der Maische (also mit der Schale) vergoren wurden. Als Ergebnis dieser eigentlich nur für Rotweine üblichen Praxis erhält man Weine, denen zwar nahezu jede weißweintypische Spritzigkeit abgeht, die dafür aber eine ungemeine Tiefe und Komplexität entwickeln
  4. dann meist aus schwarzen Gläsern getrunken, damit man die Farbigkeit des Weins nicht erkennen kann
  5. um einen Begriff zu gebrauchen, der in einer Session benutzt wurde, um der Idee der Relevanz von Blogs jede kommerzielle Bedeutung abzusprechen

  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.