Glasklare Gefühle

Alte Gewächse… (a.k.a. Weinrallye #53)

Tiefe, dichte Schwaden von scharzer Johannisbeere ziehen mir entgegen, begleitet von einer ungemein intensiven Kräuterwürzigkeit. Fast so dicht und intensiv, wie der Duft der Garigue bei den großen Weinen aus Südfrankreich, aber gleichzeitig scheint diese Kräuterwürze doch kühler, fast ist man geneigt zu sagen: vornehmer. Und da man ja immer das findet, was man sucht, fügt sich auch dieser Eindruck perfekt ins Bild: vornehme Zurückhaltung gepaart mit der Solidität des Schweizer Frankens.

Denn der Wein, den ich jetzt vor mir im Glas habe, stammt auf dem Kanton Wallis – ist also ein Eidgenosse. Schweizerwein ist selten in der Bundesrepublik und ich gebe offen und ehrlich zu, ich würde ihn jetzt vermutlich nicht trinken, wenn nicht gut anderthalb Stunden die dreiundfünfzigste Ausgabe der Weinralley mit den von meinem Weinfreund Peter Züllig gewählten Thema “Schweizerwein” begönne. So aber habe ich mir eine Flasche zum Thema besorgt und schwelge nun – durchaus angenehm überrascht – in der sich mir bietenden Aromen-Synphonie.

Schweizerwein hieß also das Thema zu dieser Rallye. Und bei der Auswahl des Weines dafür habe ich sehr bewusst die “üblichen Verdächtigen”, allen voran den Chasselas/Fedant, vermieden und zu einer der in der Schweiz häufigen autochthonen Rebsorte gegriffen. Humagne Rouge ist ihr Name, und im Jahr 2007 wurde sie auf nicht einmal mehr 130 ha. angebaut. Im Kanton Wallis ist sie seit Ende des 19 Jahrhundert verbreitet, ursprünglich stammt sie aus dem italienischen Aostatal, wo sie unter dem Namen Cornalin d’Aoste bekannt ist.

Teile des Wallis bilden mit dem benachbart, schon auf italienischen Boden liegenden Aostatal eine gemeinsame geographische Struktur. Deren relative Abgeschlossenheit dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass sich dort bist heute neben der Humagne Rouge haben sich hier eine Vielzahl weiterer teils sehr alter autochthoner Rebsorten haben halten können1. Alle zusammen werden in der Schweiz unter dem Namen “alte Gewächse” (frz. vieux plants) geführt werden. Womit auch klar sein sollte, woher dieser Beitrag seinen Titel hat, obwohl doch ein reltativ junger 2010er verkostet wird.

Doch noch einmal zurück zum Wein: Laut Literatur liefert die Humagne Rouge, die übrigens nicht mit ihrem weißen Namensvetterin Humagne Blanc verwandt ist, farbintensive, tanninreiche  und gleichzeitig fruchtbetonte Weine. Die dichte Farbe kann ich sofort bestätigen. Und auch der aromatische Charakter lässt sich nachvollziehen: Neben der intensiven Frucht wird er getragen von einer gewissen, fast buttrig wirkenden Fülle.2. Die präsente aber gut integrierte Säure sorgt dafür, dass er dabei nicht über die Maßen klebrig oder plump wirkt. Dazu seidig weiche, und perfekt integrierte Tanine. Zugegeben: für die fast 30 Euro, die der Wein hier in Deutschland gekostet hat, bekommt man auch eine Menge anderer sehr, sehr guter Rotweine. Aber von einem grotesken Mißverhältnis zwischen Preis und Leistung kann man wirklich nicht sprechen. Im Verlgeich zu dem, was in Zürich ein Bratwurst kostet, ist dieser Wein geradezu günstig. Und in der Ü20-Klasse spielt er in Sachen Komplexität und Dichte locker. Wie schon eingangs erwähnt: auf eine gewisse Art und Weise vereint er die Dichte, Fülle und Fruchtigkeit eines Spitzen-Languedoc mit der aromatisch kühlen Eleganz eine Cool-Climate-Syrah. Ich weiß, das hört sich nach einem Widerspruch in sich an – und doch scheint es mir die angemessenste Art, das Wesen dieses Weins zu beschreiben.

Alles in allem war das eine Entdeckung, die ich mit zumindest dieser Humagne Rouge gemacht habe. Eine, die ich letztlich meinem Weinfreund Peter Züllig verdanke. Ebenso wie dem ursprünglichen Initiator der Weinrallyes, Thomas Lippert. Beiden gilt hiermit mein Dank. Für die konkrete Erfahrung mit diesem Wein ebenso, wie für die Erinnerung an die Tatsache, dass es abseits der “usual suspekts” immer wieder so unendlich viele, interessante, aufregende Weine gibt. Nicht alle davon sind groß, oder gar unvergeßlich – aber erstaunlich viele sind doch so gut, dass sich die Beschäftigung mit ihnen lohnt. Individuelle, unverwechselbare Erfahrungen, die den Erfahrungshorizont in Sachen Wein bereichern.

Facts ‘n figures:

Humagne Rouge 2010
Chamoson
AOC Valais

Simon Maye et files

In Deutschland um die 30 €.
Alles weitere zu Wein und Weingut auf dessen Homepage

Dies war ein Beitrag zu Weinrallye #53, “Schweizer Wein”, unter der Gastgeberschaft von Peter Züllig. Eine Zusammenfassung mit Links zu weiteren Beiträgen findet ihr nach dem Klick aufs Logo:

  1. mehr dazu im Eintrag zur Humagne Rouge in der Wikipedia
  2. vom ersten Riechen am Glas an hat mich diese Aromatik an irgendeinen Wein erinnert. Ich kenne sie – und das gut. Aber auch jetzt, Stunden nach dem Öffnen der Flasche, will es mir einfach nicht einfallen, woran genau ich da erinnert werde. Sicher, da sich diese buttrig-fruchtigen Töne, die man auch von deutschen Spätburgunder (und eben nicht: Pinot Noirs) kennt. Aber das ist es nicht alleine. Ich habe mindestens einen, wenn nicht mehr Weine getrunken, die waren aromatisch fast genauso, wie dieser. Aber welche? Es will mir auch jetzt noch nicht einfallen. Ich-werde-wahnsinnig!

  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.