Glasklare Gefühle

Ein “Cool Climate Syrah” – aus der Pfalz

Folgend mein eigener Beitrag zur Weinrallye #52, “Hitzewallungen im Weinberg – Klimawandel”:

Syrah also. Aus der Pfalz. Nicht aus dem nominal wärmeren deutschen Anbaugebiet, obwohl doch Baden der ursprünglichen Heimat des “Cool Climate Syrah” strukturell viel näher kommt und mit Hanspeter Ziereisen ein mir persönlich sehr sympathischer Winzer mit Gestad und Jaspis auch zwei sehr bemerkenswerte Weine dieser Rebsorte in der Liste hat. Getreu dem Motto der Veranstaltung wähle ich diesmal den Wein aus der weiter nördlichen Region. Klar, gilt es doch angesichts der Klimaverschiebungen der letzten 10 bis 20 Jahre den Vormarsch eher südlicher Rebsorten gen Norden zu illustrieren.

Der Wein stammt übrigens von einem Weingut, dass diese Rebsorte schon seit 1993 im Versuchsanbau hat, er ist – das fast schamhaft in 7 Punkt auf dem Etikett versteckt – eine veritable Auslese:

Aber zum Wein:

Ein erster Schluck nach dem Öffnen der Flasche. Kein Kork, angesichts der rund 40 Euro, die der Wein gekostet hat, durchatmen. Viel Säure ist da, viel dunkle Frucht und jene deutliche Note von weißen Pfeffer, die ich mit keiner Rebsorte so stark verbindet, wie mit Syrahs aus (relativ) kühleren Regionen (Veltliner und ihr “Pfefferl” sind ein anderes Thema). Aber angesichts von 18 bis 20 Monaten Ausbau in gebrauchtem Barrique und seiner (für einen Syrah) extremen Jugend wird der Wein erst einmal in die Karaffe dekantiert und kommt danach wieder zurück in die Flasche.

3 Stunden später:

Wow! Der Wein beginnt sich zu öffnen. Das Holz war auch schon beim ersten Probieren gut integriert, aber jetzt gesellt sich zu dem schon erwähnen Syrah-Pfeffer und einer gewissen kühl mineralischen Note mehr und mehr Frucht. Vor allem schwarze Johannisbeere ist da, begleitet von etwas Sauerkirsche. Ein bunter Korb voller Früchte, ab und an kullert eine einzelne Heidelbeere hervor, die ganz kurz durch etwas Pflaumenmus gerollt ist. All diese Früchte liegen in einem großen Korb, der sorgsam mit samtweichem, frisch gegerbtem und allerfeinsten Leder ausgekleidet wurde und zum krönenenden Abschluß bestäubt mit feinstgemahlenem Gestein. Der Wein besitzt eine Mineralität, die ihm ein wirklich abgründige Tiefe verleiht.

Zwei Dinge scheinen mir jetzt schon ganz besonders bemerkenswert: Die 14% Alkohol sind – jedenfalls bei den 16° C Trinktemperatur, auf die ich den Wein hinuntergekühlt habe – praktisch nicht zu spüren. Und da ist auch überhaupt nichts Breites oder Marmeladiges, wie so oft bei Weinen dieser Rebsorte aus südlicheren Gefilden. Klar, kein Wunder, denke ich – ist ja auch ein “cool climate” Syrah. Dann fällt mir Punkt zwei auf: Denn was diesem Wein auch völlig abgeht, sind die bei Syrahs von der nördlichen Rhone auch bei Spitzenwein-Erzeugern auf regional-folklorehaft vorhandenen Töne von Bret. Ja, da ist zwar der rebsortentypische Ton von Leder. Aber der ist eben blitzsauber. Nichts animalisch-schweißiges, kein Pferdesattel, keine nassen Hunde oder mit welchen Analogien die Weinsprache auch sonst immer Töne zu beschreiben versuchen mag, die in meinen Augen auf nichts anderes als auf Schlamperei im Keller zurückzuführen sind. Oft hört man dann, dass dies so sein müsse, den Weinen weitere zusätzliche Tiefe verleihe, die animalischen Töne zu regionaler Typizität und Terroir gehörten. Dieser Wein hier zeigt, was von derlei Reden zu halten ist – es ist da Geschwätz von Leuten, die ein ernsthaftes bakteriologischen Problem im Keller durch vinologisches Geschwurbel schönzureden versuchen.

Ich freue mich jetzt schon auf morgen, wenn ich den Wein nach 24 Stunden Sauerstoff-Kontakt noch einmal probieren werde…

24 Stunden später:

Ein Eifelmaar, ach was, der Mariannengraben voller schwarzer Johannisbeeren. Jede einzelne davon mit Pflaumenmus und feinem Granitstaub glattpoliert. Wobei bei genaueren Hinsehen, jede zwanzigste Beere hat sich als Johannisbeere verkleidet. Merkt man kaum. Aber wenn man genau hinsieht, erkennt man die Hollunder-Racker eben doch. Genau, wie die drei Heidelbeeren, die sich im Glas versteckt haben. Hach, macht dieser Wein jetzt Spaß. Und immer noch ist von den 14% Alkohol kaum etwas zu spüren. Stattdessen jede Menge frische und angenehme Säure. Lang ist er jetzt übrigens auch. Oder besser: länger. Denn eine gute Länge hatte er schon am Anfang…

48 Stunden später:

Die Johannisbeeren befinden sich inzwischen auf dem Rückzug. Da ist zwar immer noch Frucht, aber die geht jetzt eher in Richtung Hollunger. Dafür kommen jetzt die mineralischen Töne des Weines wieder besser zum Vorschein. Und auch dieses samtweiche frischgegerbte Leder, mit dem das Glas poliert scheinbar poliert wurde, ist jetzt wieder wahrnehmbar. Gut, die Frucht befindet sich zwar jetzt auf dem Rückzug – aber von Müdigkeit ist der Wein weit entfernt. Er ist immer noch von großer Tiefe und hoher Komplexität. Nicht schmeichelnd, sondern Aufmerksamkeit und Konzentration fordernd. Ein Wein wie ein Dietmar-Dath-Essay – oder einer zum Lesen eines solchen…

72 Stunden später:

In der Nase findet sich nur noch etwas Pflaumenkompott – moderat winterlich gewürzt. Dazu – oder besser: anstelle von – kommt jetzt tiefe und sehr komplexe Kräutermischung. Thymian, Zitronenthymian und Rosmarin vor allem, aber auch ein paar Petersilienblätter und etwas Kerbel blitzen hervor. All das geht mit Hauptaroma “Weißer Pfeffer” eine innig und untrennbare Verbindung ein. So ungefähr, stelle ich mir vor, müsste Bouquet Garni aus dem Noma schmecken. Nicht vordergründig aufdringlich, sondern von fast kühler Eleganz. Kennt ihr das, wenn unter der Leitung eines Spitzendirigenten ein wirklich gutes symphonisches Orchester in seinen großen Momenten in den Tutti zu einem einzigen und gleichzeitig fast unendlichkomplexen Eindruck verschmilzt? Und das nicht laut oder polternd, sondern von fast spährischer Eleganz? Genau soetwas habe ich gerade im Glas…

Ein kurzes Fazit zum Schluss:

Obwohl der Wein auch nach drei Tagen weit davon entfernt ist, am Ende zu sein, werde ich den Rest heute Abend trinken. Weil er im Moment so toll ist. Das Finale zum Finale, sozusagen.

Der Website des Winzers kann man übrigens entnehmen, dass 2007 auch erstmals eine Reverve dieses Syrah gefüllt wurde. Ich bin übrigens in aller Regel kein Freund dieser ultra-raren hyper-spitzen Sonderselektionen. Denn allzu oft ist die Produktionsmenge dann so knapp, dass für normalverdienende Weinfreunde nahezu unerschwindlich werden1, die erst im nächsten Jahr auf den Markt kommen wird. Wenn sie in der Lage ist, diesen Wein hier tatsächlich noch einmal deutlich zu übertreffen, dann darf man darauf wirklich gespannt sein. Auch, wenn ich mir angesichts der Tatsache, dass schon die “einfache” Variante mit einem Anschaffungswiderstand von über 40 Euro ausgestattet ist, vermutlich den Kauf einer Flasche versagen werde.

Facts ‘n Figures:

2007 Syrah, Auslese trocken

Weingut Knipser, Laumersheim in der Pfalz

18 bis 20 Monate ausgebaut in neuen und gebrauchten Barriques

gekauft im Kölner Weindepot für 41 €

 

Verkostet als Beitrag zur Weinrallye #52:

  1. wogegen nicht zwingend etwas zu sagen wäre (nicht jeder muss jeden Wein trinken können), wenn nicht gleichzeitig und nahezu immer das Fehlen der allerbesten Trauen in der Standard-Cuvee höchst beklagenswerte Breschen in deren Qualitätsprofil schlagen würde

  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.