Glasklare Gefühle

Cuvée – einfach nur ein Verschnitt oder kunstvolle Komposition?

Cuvee

»Cuvée Prestige«, »Cuvée de la maison« oder »Tête de cuvée«. Immer wenn ein wohlklingendes »Cuvée« auf dem Etikett steht, geht der Konsument davon aus, etwas Besonderes im Glas zu haben. Es klingt ja auch kunstvoll, melodisch ja fast magisch. Die deutsche Übersetzung dahingegen, der Verschnitt, klingt weniger verführerisch.

Doch was verbirgt sich nun hinter der Bezeichnung Cuvée? Der Begriff stammt vom französischen Cuve ab, die Bezeichnung für das Gärbehältnis vom Wein. Je nach Kontext ist die Bedeutung jedoch unterschiedlich, es kann zum einen ein aus verschiedenen Rebsorten komponierter Wein sein. Manch ein Weingut ziert seinen Spitzenwein schlicht mit einem Cuvée im Namen. In der Champagne ist die Cuvée die höchste Qualität des ablaufenden Mostes von der Kelter, die einzelnen Champagner tragen aber auch oft den Zusatz Cuvée.

In vielen bekannten Weinbauregionen hat der Verschnitt verschiedener Rebsorten eine lange Tradition. Auch in Deutschland. Hierzulande waren noch vor gut 100 Jahren die meisten Weinberge im sogenannten gemischten Satz angelegt, das heißt in einem Weinberg stehen verschiedene Rebsorten wild durcheinander und werden gleichzeitig gelesen und weiterverarbeitet. Einfach ausgedrückt hatte dies einen großen Vorteil: die einzelnen Rebsorten haben unterschiedliche Reifepunkte und so konnte man, wenn eine Rebsorte in einem Jahrgang nicht genügend ausreifte, dies mit der Reife einer anderen ausgleichen. Natürlich spielten noch weitere Faktoren eine Rolle, da sich die einzelnen Rebsorten in Frucht, Säure aber auch im Tannin, Kraft und Körper unterscheiden.

In Portugal, beispielsweise im Dourotal, wird der gemischte Satz heute noch praktiziert. In vielen renommierten Weinregionen, wie Bordeaux, Côtes du Rhone, Chianti, Ribera del Duero oder Rioja werden die einzelnen Rebsorten getrennt gepflanzt und ausgebaut und dann vor der Abfüllung im richtigen Mischungsverhältnis miteinander vermählt. Die bekannten Weine aus Bordeaux sind stets eine Cuvée aus drei bis fünf unterschiedlichen Rebsorten. Die klassische Bordeauxcuvée besteht aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc. Manchmal wird die Cuvée noch mit Malbec oder Petit Verdot verfeinert. Cabernet Sauvignon bringt die Kraft, Merlot die Frucht und der gerbstoffbetonte Cabernet Franc die nötige Struktur. Der Winzer führt also alle positiven Eigenschaften der einzelnen Rebsorten zusammen und schafft so eine Komposition. Auch kann er mithilfe der Cuvée den Weinstil des Hauses maßgeblich beeinflussen.

Die Rotweine aus Châteauneuf du Pâpe im südlichen Rhônetal sind sogar Kompositionen aus bis zu 13 verschiedenen Rebsorten, auch weiße Rebsorten sind erlaubt, den kraftvollen Rotweinen mehr Frische zu verleihen. Auch ein Chianti besteht aus mehreren Rebsorten, wobei der Sangiovese stets die Oberhand behält. In den vergangenen Jahrzehnten wurden in vielen Regionen internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Chardonnay gepflanzt und eifrig mit neuen Verschnittmöglichkeiten experimenteiert. Es entstanden neue Interpretationen der Bordeauxblends oder Cuvées aus den einheimischen Rebsorten mit den internationalen. Selbstbewusst nannten die Winzer aus der Toskana diese Weine schlichtweg »Supertuscs« – oder taten es die Weinkritiker? Auf jeden Fall waren es die Ersten in Europa, die mit neuen Cuvées den Siegeszug in die Weinwelt antraten. »Ornelaia«, » Tignanello« oder » Solaia « sind Namen, die fast jedem Weinliebhaber vertraut sind und heute auf dem Weinmarkt Spitzenpreise erzielen.
Auch in Südafrika ist dieser Trend zu verzeichnen. Nach dem Ende der Apartheit fingen die Winzer an, vermehrt internationale Rebsorten und Rebsorten aus dem südlichen Rhônetal anzubauen. Weinfreunde finden in Südafrika qualitativ und preislich willkommene Alternativen zu den teuren Spitzengewächsen aus Frankreich. Der 2006er »The Caracal« von Neethlingshof im Stellenbosch ist ein Paradebeispiel dafür. Das Blend aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc ist eine moderne Interpretation des klassischen Bordeauxblends, saftige Frucht, kraftvoll und lang am Gaumen mit einem geschliffenen Tannin!

Ein Verschnitt muss also nicht immer negativ behaftet sein. Auch Weine aus Deutschland, die Rebsorte und Lagennamen auf dem Etikett tragen sind oftmals eine Cuvée aus verschiedenen Gebinden. Viele Winzer lesen selektiv per Hand, das heißt, sie ernten nur die reifen Trauben und gehen dann später noch einmal durch den Weinberg. All diese Moste werden separat ausgebaut und dann später zu dem Lagenwein zusammengeführt. Der Winzer hat laut Weingesetz auch die Möglichkeit 15% von einer anderen Rebsorte oder eines älteren Jahrgangs mit beizumengen ohne sie deklarieren zu müssen. Auch wenn also Weinberg und Rebsorte auf dem Etikett steht – ein Verschnitt ist es eigentlich fast immer!


  • Jan Buhrmann ...
    ...ausgebildeter Restaurant- fachmann und Wein-Enthusiast! Über viele Stationen in der deutschen Spitzen-Gastronomie und ständige Fort- und Weiterbildung gelangte er schließlich in die Wiesbadener "Ente", wo er knapp drei Jahre Herr über rund 2.000 Weine war. Den Glasklaren Gefühlen leiht Jan Buhrmann seine Stimme und wird dabei von Gastautoren unterstützt. Sie bloggen natürlich über Wein, Essen, kulinarische Tipps sowie Tricks und geben Lese- und Reiseempfehlungen - immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Erfahrungen und Glasklaren Gefühlen.